Recruiting nach Corona: „Chance als Arbeitgeber zu punkten“

Blaugrüne Kreisgrafik erecruiter, Bewerbermanagement
03. Juli 2020
Lesezeit 7 Minuten
In jeder Krise liegt bekanntlich eine Chance. Aber welche Learnings können Recruiter aus der Corona-Krise mitnehmen? Worauf sollten HR Manager ihre Aufmerksamkeit nun richten? Wir haben Claudia Lorber, Recruiting-Strategin und Bloggerin, dazu befragt - und spannenden Input erhalten.

Inhalt

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In jeder Krise liegt bekanntlich eine Chance. Aber welche Learnings können Recruiter aus der Corona-Krise mitnehmen? Worauf sollten HR Manager ihre Aufmerksamkeit nun richten? Wir haben Claudia Lorber, Recruiting-Strategin und Bloggerin, dazu befragt – und spannenden Input erhalten.

Wann genau die Zeit „nach Corona“ anbrechen wird, ist noch unklar. Aber schon jetzt macht es Sinn, die ersten Learning aus der Krise zu ziehen und fokussiert ins zweite Halbjahr 2020 zu starten. Worauf Recruiter Ihre Aufmerksamkeit nun richten sollten, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen und schon jetzt für eine erfolgreiche Zukunft vorzubauen, das haben wir die österreichische Recruiting-Strategin und Bloggerin Claudia Lorber im Interview gefragt.

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Interview mit Claudia Lorber

eRecruiter: Claudia, du hast im April schon einen Artikel auf deinem Blog zum Thema “Recruiting nach Corona” veröffentlicht. Was ist seitdem passiert? Wie würdest du die Stimmung in der Branche heute einschätzen?

Claudia Lorber: Ich erlebe vor allem zwei Dinge. Vereinzelt gibt es durchaus Unternehmen, die jetzt Personal abbauen – auch im HR Bereich. Ich kenne vier, fünf Menschen, die direkt betroffen sind. Einige berichten mir davon, dass es einen Hiring Freeze gibt.

Ein Großteil rekrutiert aber nach wie vor – und hat umgestellt auf digitale Tools. Auch das Onboarding erfolgt zum Teil online. Wobei meine Brille hier natürlich etwas gefärbt ist: Mich holt man eher dazu, wenn man Personal rekrutieren möchte.

Offenes Notizbuch mit leeren Seiten, grauem Lesezeichenband und minimalistischem Briefpapier. erecruiter, Bewerbermanagement
Claudia Lorber unterstützt Unternehmen dabei, eine passende Recruiting Strategie zu entwickeln.
 
Jedes Unternehmen sollte sich gerade jetzt dessen bewusst sein, dass es sichtbar ist. Egal, ob es die eigene Sichtbarkeit aktiv steuert oder nicht. 
Claudia Lorber Recruiting-Strategin & Bloggerin

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Der Fachkräftemangel ist nicht vorbei

Du hast in deinem Blogbeitrag geschrieben: “Wenn du jetzt meinst, dass durch die steigende Anzahl von Arbeitslosen Recruiting künftig zum Kinderspiel wird, dann irrst du.” Denkst du also nicht, dass der Fachkräftemangel nun weniger drastisch zu spüren sein wird? Steigt denn nicht die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte?

Ich halte das für einen Trugschluss. Wobei man hier sicher unterscheiden muss, über welche Branche man spricht. In den Bereichen Handel, Gastronomie, Tourismus ist sicher eine Entlastung spürbar. Da berichten mir sogar Kunden: “Wir bekommen zum ersten Mal seit Langem wieder Initiativbewerbungen!” Hier ist es deutlich sichtbar – auch auf Social Media, dass mehr Menschen auf Jobsuche sind als noch vor ein paar Monaten.

Aber: Auch hier wird es eine Zeit nach Corona geben. Der Aufschwung wird kommen. Ich höre etwa von den Zeitarbeitsfirmen in Österreich, dass die Aufträge schon wieder da sind. Das ist ein wichtiger Indikator. Jetzt ist also ein guter Zeitpunkt, um einen Talent Pool aufzubauen, weil es mehr Kandidaten gibt – die man wahrscheinlich schon bald dringend brauchen wird.

Ganz anders sieht die Situation im IT-Bereich aus. Da zeigt sich ein gegenteiliger Effekt: Die digitale Transformation hat durch Corona an Fahrt aufgenommen. IT-Fachkräfte werden mehr denn je gebraucht. Da spitzt sich der Fachkräftemangel eher zu. Dazu kommt., dass aktuell viele nicht an einem Wechsel interessiert sind – wenn die Situation in ihrem Unternehmen halbwegs stabil und sicher scheint.

Gleichzeitig hat die Corona-Krise noch eine andere Seite, die ich interessant finde: Krisen bringen Menschen zum Nachdenken. Viele fragen sich gerade, ob sie in ihrem Job wirklich glücklich sind. Das ist eine Chance als Arbeitgeber zu punkten.

Grüner Sand fließt durch eine Sanduhr und symbolisiert die Zeit. erecruiter, Bewerbermanagement
Der Fachkräftemangel spitzt sich vor allem im IT Bereich eher zu. Corona hat die Digitalisierung beschleunigt.

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Employer Branding: Ehrlichkeit siegt

Damit wären wir schon beim nächsten Thema: Employer Branding. Ist das gerade jetzt doppelt wichtig – oder sollte man im HR auf andere Themen fokussieren?

Das kommt ein bisschen darauf an, was man mit Employer Branding konkret meint. Wenn jemand erst damit beginnt, eine Arbeitgebermarke, eine Strategie zu entwickeln – dann ist jetzt meines Erachtens nicht unbedingt der optimale Zeitpunkt dafür. Ich brauche nämlich die Unterstützung meiner Mitarbeiter – und wenn die Stimmung im Unternehmen schlecht und von Abbauplänen geprägt ist, dann schlägt sich das natürlich nieder.

Aber jedes Unternehmen sollte sich gerade jetzt dessen bewusst sein, dass es sichtbar ist. Egal, ob es die eigene Sichtbarkeit aktiv steuert oder nicht. 

Jetzt haben die Menschen auch Zeit, um zum Beispiel auf kununu und Twitter darüber zu berichten, wie man in ihrem Unternehmen während einer Krise mit Mitarbeitern umgeht. Sich hier als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren – darauf würde ich nicht verzichten. Da geht es vor allem darum, authentisch, ehrlich und wertschätzend mit Mitarbeitern und Kandidaten zu kommunizieren.

Grüner Sand fließt durch eine Sanduhr und symbolisiert den Lauf der Zeit. erecruiter, Bewerbermanagement
Wer sich als Arbeitgeber in der Krise bewährt wird in Zukunft davon profitieren, wenn es um Mitarbeitersuche geht.

Wie ehrlich darf man denn sein?

Ich glaube, dass es sich auszahlt, authentisch zu bleiben. Es ist nicht verwerflich, wenn es gerade einen Einstellungsstopp gibt. Das versteht man in der aktuellen Situation ja. Aber vielleicht kann man einen Kandidaten in zwei Monaten einstellen – und derjenige freut sich sogar über eine Auszeit. Meiner Erfahrung nach kommt Ehrlichkeit – gut kommuniziert – gut an. Und auf den digitalen Plattformen oder in den Printmedien erfährt man sowieso, wie es im Unternehmen wirklich aussieht.

 
Schaut euch euren Recruiting-Prozess genau an: Was kann man digitalisieren und was nicht?
Claudia Lorber Recruiting-Strategin & Bloggerin

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Turbo für die Digitalisierung

Wie wichtig ist es aus deiner Sicht auch nach Corona am Thema Digitalisierung dranzubleiben? Werden nach der Krise viele wieder ein paar Gänge zurückschalten?

Zunächst ist es ja einmal gut, dass die Situation in den letzten Monaten gezeigt hat, was alles doch möglich ist. Es geht jetzt darum zu evaluieren: Was davon behalten wir bei? Was hat sich bewährt? Viele meiner Kunden arbeiten jetzt etwa an neuen Regelungen fürs Homeoffice. Unternehmen, in denen das bisher eher eine Seltenheit war, überlegen, ihre Homeoffice-Regelung nun auf bis zu 50 Prozent auszuweiten. Von vielen Mitarbeitern wurde diese Form des Arbeitens einfach sehr gut aufgenommen. Man sollte es aber auch nicht übertreiben: Manche gehen sehr gerne ins Büro.

Was vermutlich nur kurzfristig zurückgehen wird sind Geschäftsreisen. Menschen mögen einfach die persönliche Interaktion. Ich würde mir aber wünschen, dass Corona bei vielen das ökologische Bewusstsein geschärft hat und man sich öfter überlegt, ob z.B. eine Bewerberin unbedingt eingeflogen werden muss – oder ob auch ein Video-Interview reicht.

Grüner Sand fließt durch eine Sanduhr und symbolisiert den Lauf der Zeit. erecruiter, Bewerbermanagement
Die Corona-Krise hat auch gezeigt, was alles möglich ist. Jetzt gilt es zu evaluieren, was beibehalten werden soll.

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Die wichtigsten Learnings aus der Corona-Krise für Recruiter

Was sind für dich die wichtigsten Learnings, die Recruiter aus den vergangenen Monaten ziehen sollten?

Erstens: Legt euch ein gescheites Bewerbermanagement-Tool zu. Das sage ich nicht nur, weil du mich fragst – das meine ich auch so. Ich kann es kaum glauben, wenn ich immer wieder auf Unternehmen treffe, die tausend Mitarbeiter pro Jahr einstellen – und immer noch kein ATS haben. Was das Zeit kostet! 

Zweitens: Schaut euch euren Recruiting-Prozess genau an: Was kann man digitalisieren und was nicht? Ich denke viele haben darauf jetzt eine andere Perspektive als noch vor ein paar Monaten. Bei vielen Dingen wird man heute vielleicht sagen: Ja, das geht eigentlich auch gut online.

Drittens: Ich bin überzeugt, dass Unternehmen, die verstanden haben, dass es wichtig ist, wie sie in der Krise kommunizieren – mit ihren Mitarbeitern, aber auch nach außen – davon enorm profitieren werden. Alles was man jetzt in dieser Hinsicht gut macht, zahlt auf die Zukunft ein. Besonders im Recruiting.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fazit

Jetzt ist der Zeitpunkt, um für eine erfolgreiche Zukunft vorzubauen. Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter offen und wertschätzend durch die Corona-Krise führen und nun die Chance nutzen, um wichtige HR-Prozesse zu digitalisieren, werden davon künftig profitieren.
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